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08.04.2018

Nach dem Burnout: Frau Neumann schafft den Stress ab

                              Burnout hat viel mit dem Druck zu tun, den man sich selbst macht    Foto dpa

 

Von Thomas Wolff

DARMSTADT - Um kurz nach eins öffnet Susanne Neumann* das Türchen an ihrer Supermarktkasse, übergibt die Geldkassette und spaziert den langen Flur entlang in ihren Feierabend. Vier Stunden Klopapierrollen und Tiefkühlgemüse einscannen, vier Stunden elektronisches Piepsen, Hunderte fremde Hände und Gesichter - das langt, findet sie. Der Rest des Tages gehört ihr. Vielleicht dreht sie später eine Runde am Feld, mit ihrer neuen Kamera, Blumen und Blüten fotografieren. Vielleicht kocht sie was für sich und ihren Mann. Muss aber nicht. Da macht sich Frau Neumann keinen Stress. Nie wieder, sagt sie. Das hat sie überwunden, unter Schmerzen, nach ihrem Burnout.

 

Neumann hat neu angefangen. Mit so ziemlich allem. Wie sie das geschafft hat, erzählt sie an einem Tischchen in der kleinen Backstube im Supermarkt, draußen im Gewerbegebiet am Darmstädter Stadtrand, wo sie seit 20 Jahren an der Kasse schafft. Bis zu ihrem Zusammenbruch - und Neuanfang. Heute weiß sie: "Das packst du nicht allein, du musst dir Hilfe holen."

 

Die Endfünfzigerin hat eine freundliche Stimme, etwas müde Augen und eine eher rundliche Gestalt. 20 bis 30 Kilo habe sie binnen zwei Jahren zugenommen, als es ihr damals dreckig ging, sagt sie. "Aus Frust fressen", eines der üblichen Burnout-Symptome, wie sie gelernt hat. Das Gewicht und die dünnen Haare sind die äußerlich noch sichtbaren Anzeichen ihrer überstandenen Krise.

 

Nicht nur gestresste Manager erkranken

Als ihre Hausärztin ihr die Diagnose stellte, "hab ich die angeguckt wie ein Auto", sagt Neumann. Burnout? "Das ist doch was für gestresste Manager, ich bin doch nur eine Teilzeitkraft im Supermarkt." Völlig egal, erklärte ihre Ärztin. Neumann lernte: "Das hat mit dem Job nix zu tun." Aber viel mit dem Drumherum - vor allem mit dem Druck, den man sich selbst macht.

 

Dass die Betroffenen es erst mal gar nicht glauben können, das kennt Erik Bogorinski schon. Er organisiert eine Burnout-Selbsthilfegruppe in Weiterstadt, die einzige in der Region. Gestresste Menschen aus Darmstadt, aus dem Landkreis, bis nach Mannheim hinunter treffen sich bei ihm jeden zweiten und vierten Mittwoch im Monat. Die Hilfe tut Not, die Zahl der Betroffenen steigt bundesweit. 2016 meldete die Krankenkasse AOK 5,3 Fälle von Arbeitsunfähigkeit durch Burn-out-Erkrankungen je 1000 Mitglieder, zehn Jahre zuvor waren es noch 1,4 gewesen.

 

Ja, auch Führungskräfte aus der Wirtschaft, sagt Bogorinski. Aber der Burnout trifft genauso den selbstständigen Werkzeugmacher, den IT-Angestellten, den Vertriebler, die Lehrerin. Oder eben die Supermarkt-Kassiererin, die nach dem Abitur am Darmstädter Lichtenberg-Gymnasium zum ungeliebten Job im Einzelhandel gedrängt wurde. Bogorinskis Erfahrung: "Die alleinerziehende Mutter, die mit ihrem pubertierenden Sohn nicht mehr klarkommt, kann genauso gestresst sein wie der Manager." Was sie verbindet: "Alle fühlen sich wie im Hamsterrad, laufen auf 125 Prozent, setzen sich vor allem selbst unter Druck" - bis sie zusammenbrechen.

 

In der zehnköpfigen Gruppe darüber zu reden, das helfe vielen. Das Wichtigste für den Neustart aber sei die Erkenntnis: "Du musst dich selbst ändern - dein Umfeld, in das du wieder zurückgehst, tut es nicht."

 

Das Umfeld von Frau Neumann, das ist der Supermarkt, das ist aber auch die Familie. Die musste sie plötzlich allein ernähren, nachdem ihr Mann über Nacht seinen Job verlor. Überstunden und Schichtarbeit kamen dazu. Die Geräuschkulisse an der Kasse begann zu nerven. "Die Menschenmassen wurden mir zu viel." Unruhe wurde zur ständigen Begleiterin. Sie schlief schlecht und viel zu wenig. "Immer drehte sich das Gedankenkarussell: Wie geht's weiter?" Kraft für den Neuanfang fand sie erst weit weg von zuhause.

 

Auf ärztlichen Rat ließ Frau Neumann die Kasse, den Mann und die beiden Kinder samt aller Sorgen hinter sich, fuhr für sechs Wochen in den Schwarzwald zur Reha. Auch wenn es schwerfiel: "Das war wichtig, von daheim wegzukommen", sagt sie heute, "weil die Familie ja Teil des Problems war." Sie erkannte: Die Familie ging auch ohne sie nicht unter. Und begann, sich auf das zu besinnen, was ihr selbst gut tut.

Auf sich selbst zu achten, das sei einer der wesentlichen Bausteine für die Genesung, sagt der Heilpraktiker Marcus Ackermann. Er betreibt in Darmstadt ein "Burnout-Center", das auch vorbeugende Hilfen anbietet. Die Teilnehmer lernen unter anderem, "ihre Aufmerksamkeit wieder zu fokussieren", auf ihre eigenen Bedürfnisse, auf das Hier und Jetzt - damit das Gedanken-Karussell anhalten kann. Wichtig sei auch ein Perspektivwechsel. So könne man sich "negativer Beziehungsmuster im Vorfeld bewusst werden" und beizeiten gegensteuern.

 

Man muss lernen Nein zu sagen

Das bestätigt auch Erik Bogorinski von der Selbsthilfegruppe. "Diese Menschen müssen lernen, 'Nein' zu sagen." Und Probleme rechtzeitig zu benennen. Hilfreich sei ein Familienrat, wo sich alle an einen Tisch setzen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Auch ein Stundenplan könne helfen, "klare Freiräume zu schaffen und einzuhalten - anders geht es oft nicht, bis es in Fleisch und Blut übergeht." Ganz wichtig: "Dass ich etwas beginne, was ich nur für mich alleine mache." Unabhängig von Familie, Nachbarn, Kollegen. Damit steige das Selbstwertgefühl. Tanzen, malen, wandern - "oft Dinge, die einem früher mal Spaß gemacht haben". Wie bei Frau Neumann, die mit ihrer Kamera allein durch die Felder streift, in der Betrachtung von Distelblüten neue Lebensfreude findet: "Da spüre ich mich selbst wieder." Auch ihr Umfeld spürt, dass sich einiges geändert hat.

 

Schichtarbeit lehnt Frau Neumann heute ab. Einfach sei das nicht gewesen. Zuletzt habe sie mit Hilfe eines Anwalts ihre neuen Arbeitszeiten durchgekriegt. Wieder was geschafft. Die Kinder sind aus dem Haus. Ihr Mann hat nie wieder einen gut bezahlten Job bekommen, "aber er verdient jetzt etwas dazu." Alles gut? Frau Neumann bleibt wachsam. Die heftigen "Episoden" von damals schütteln sie nicht mehr durch. "Aber manchmal spüre ich es auch heute noch." Dann merkt sie wieder den alten Druck, die alten Ängste. "Menschen, die zum Perfektionismus neigen, trifft es häufiger", sagt sie. Wenn das in ihr aufsteigt, dann versucht sie, es mit einer einfachen Frage abzuschütteln: "Was ist schon perfekt?"

 

 

*Name von der Redaktion geändert.

30.07.2014

Vier Zimmer hat die Krisen-Pension bei der Caritas in Darmstadt. Dienststellenleiterin Monika Daum, Assistent Bastian Ripper und Direktor Franz-Josef Kiefer stellen die Räume vor. Foto: André Hirtz
Vier Zimmer hat die Krisen-Pension bei der Caritas in Darmstadt. Dienststellenleiterin Monika Daum, Assistent Bastian Ripper und Direktor Franz-Josef Kiefer stellen die Räume vor. Foto: André Hirtz

 

Ambulante Hilfe bei seelischen Krisen

Versorgung – Netzwerk psychischer Gesundheit beim Caritas-Verband

 

Der Caritas-Verband in Darmstadt hat am Mittwoch einen Krisendienst für psychisch Erkrankte in der Sturzstraße in Bessungen eröffnet.

 

Für Menschen in psychischen Krisen ist ein stationärer Aufenthalt in einer Psychiatrie nicht immer die beste Lösung. Eine Alternative ist eine ambulante Behandlung. Möglich ist dies beim Caritas-Verband in Darmstadt. Am Mittwoch hat der Verband offiziell seinen Krisendienst in der Sturzstraße in Bessungen eröffnet. Gearbeitet wird dort bereits seit knapp einem Jahr, wie Bastian Ripper, Assistent des Caritas-Vorstands, erklärt.

 

Behandlung im gewohnten Umfeld

 

Gemeinsam mit der Techniker Krankenkasse baue der Caritas-Verband in Darmstadt das Netzwerk psychischer Gesundheit auf, sagt Ripper. Damit solle ermöglicht werden, psychische Erkrankungen im gewohnten Lebensumfeld zu behandeln. „Menschen, die sich in einer seelischen Krise befinden, können bei uns außerhalb der stationären Psychiatrie Hilfe erhalten.“ Das Projekt richte sich an Patienten, die bereits einen stationären Aufenthalt in einer Psychiatrie hinter sich haben oder medikamentös behandelt wurden, erklärt Ripper.

 

Zu diesem Zweck hat der Caritas-Verband Beratungs- und Therapieräume, eine Notfallnummer und eine Krisen-Pension mit vier Plätzen eingerichtet. In der Wohnung werden die Patienten 24 Stunden von Fachkräften betreut und bei alltäglichen Tätigkeiten unterstützt. Die Behandlung erfolge aber weiterhin durch Ärzte, wie Ripper erläutert. „Uns geht es um Krisenintervention, den Menschen zur Seite zu stehen, wenn es akut Probleme gibt.“

 

Ziel sei es, die Patienten so weit zu unterstützen, dass sie trotz ihrer psychischen Erkrankung im gewohnten familiären und beruflichen Umfeld bleiben können. „80 Prozent der Patienten gehen arbeiten und wollen das auch weiterhin“, sagt Ripper. Aktuell werden 200 Patienten in dem Darmstädter Netzwerk betreut. Eine begrenzte Platzzahl gebe es nicht, erklärt Ripper. „Personal wird bei Bedarf nachgezogen.“ Aktuell arbeiten sieben Angestellte und mehrere Honorarkräfte beim Krisendienst in Darmstadt. Caritas-Direktor Franz-Josef Kiefer rechnet in den nächsten Jahren mit 700 bis 800 Patienten.

 

Bei der Caritas wird jedem Patienten ein Fallmanager zur Seite gestellt, der einen Behandlungsplan erstellt, zu Arztterminen oder Selbsthilfegruppen begleitet. „Hausbesuche sind ebenfalls möglich“, erklärt Dienststellenleiterin Monika Daum. „Denn nicht jeder Patient hat die Möglichkeit, zu uns zu kommen. Oder fühlt sich zu Hause einfach wohler.“ Die Arbeit beschränke sich nicht nur auf Darmstadt. „Hier ist die Koordinierungsstelle, doch arbeiten wir mit allen Caritas-Zentren in der Umgebung zusammen.“

 

Angebot nicht für alle gesetzlich Versicherten

 

Nutzbar ist das Angebot der Caritas nicht für alle gesetzlich Versicherten, wie Ripper erklärt. Zurzeit gebe es nur Verträge mit der Techniker Krankenkasse, KKH Allianz, Betriebskrankenkasse Merck, Siemens Betriebskrankenkasse und der Daimler Betriebskrankenkasse. Erkrankte könnten nur über diese am Netzwerk beteiligten Krankenkassen für das Programm angemeldet werden. „Ich hoffe, dass sich in Zukunft noch mehr Krankenkassen dem Netzwerk anschließen.“